Freitag, 29. September 2017

Nach dem Mord habe ich erst mal geheult (BBO)


Die Kurzgeschichte „Das Cello“ gehört zu den intensivsten Folgen der zweiten Staffel von „Schuld“. Josefine Preuß spielt eine verzweifelte Schwester, dessen Bruder sie zu einem Kapitalverbrechen verleitet. Die Schauspielerin verrät im Interview, wie nahe ihr die Rolle gegangen ist.


BBO: Was hat Sie an „Das Cello“ zuerst gepackt – die Geschichte selbst oder die Aussicht darauf, mit Hannu Salonen und einem bekannten Team zusammenzuarbeiten?

Josefine Preuß: Zunächst einmal habe ich die Bücher von Ferdinand von Schirach bereits vorher verschlungen. Nun ist „Das Cello“ tatsächlich eine Geschichte aus „Verbrechen“, wurde allerdings damals aus verschiedenen Gründen nicht mit in die Verfilmung hineingenommen.

Ich habe die Serie natürlich gesehen, weil ich mir alle Berben-Produktionen gerne anschaue. Das ist einfach qualitativ wertvolles Fernsehen. Auch in „Verbrechen“ gab es viele spannende Stories, aber „Das Cello“ war immer etwas Besonderes. Eigentlich hat „Das Cello“ alles einer griechischen Tragödie. Das hat mich dermaßen gepackt, dass ich mich bei dieser Rolle das erste Mal selbst mit ins Spiel gebracht habe. Normalerweise mache ich das nicht, aber Oliver Berben hat kurz überlegt und gesagt: Warum eigentlich nicht?
Natürlich hat es auch eine Rolle gespielt, dass ich gerade mit dem gleichen Team in Prag „Die Hebamme 2“ gedreht habe, also auch Hannu Salonen als Regisseur, Wolf Siegelmann an der Kamera und Oliver Berben und Jan Ehlert als Produzenten.



BBO: Nun sind die Geschichten von Ferdinand von Schirach ja fast schon skizzenhaft, fast völlig ohne Dialog. Wie präsent war die Kurzgeschichte für Sie am Set, und wie viel Interpretation hat gerade diese Erzählform für Sie zugelassen?


Josefine Preuß: Ich habe absichtlich die Kurzgeschichte vorher nicht mehr gelesen. Während der Drehzeit ist nur das Drehbuch meine Bibel. Tatsächlich wurde so die ganze Situation noch schlimmer als die Kurzgeschichte. Plötzlich wurden auch die Motive von Teresa greifbarer, gerade nach der Schockdiagnose, dass Teresas Bruder nach dem Unfall nicht nur das Bein verliert, sondern nach und nach auch seine Sprache und sein Gedächtnis.

Das war so intensiv, das ging einfach nur mit diesem Team. Hannu ist einfach ein sehr feinfühliger Regisseur, der seinen Blick überall hat und irgendwo alle seine Figuren liebt, auch wenn sie böse sind. Aber es war eine komplett andere Stimmung am Set. Bei „Die Hebamme 2“ haben wir herumgeflachst und schlechte Witze gemacht oder sind abends Bier trinken gegangen. Bei „Das Cello“ merkte man von Anfang an: Es war eine komplett andere Stimmung am Set. Es hat mit jedem etwas gemacht.


BBO: Bei so vielen intensiven Eindrücken – gab es überhaupt so etwas wie eine „schlimmste Szene“ für Sie?


Josefine Preuß: Ich bin nie frei nach Hause gefahren und habe „Feierabend!“ geschrien. Es blieb immer etwas hängen. Wie ist das möglich? Ich mag Teresa, ich will sie verstehen. Ich muss sie nicht verstehen als Darstellerin, aber ich will sie verstehen. Ich kann mich an den Tag erinnern, als wir tatsächlich den Mord gedreht haben. Die Szene haben wir als eine der letzten Szenen gedreht, was gut war. Ich musste meinen Kollegen Louis ja auch erst mal kennenlernen, dass wir eine gute Beziehung aufbauen.

Wir haben das gedreht und er blieb relativ lang unter Wasser. Ich war schon am Wackeln: Soll ich jetzt abbrechen und ihn jetzt hochholen? Ich merkte, ich hatte komplett die Kontrolle verloren. Das ist mir noch nie passiert, und ich habe mich sehr gerne unter Kontrolle. Und ich musste plötzlich aus dieser Badewanne raus, nach nebenan, durchatmen und dann habe ich erst mal fünf Minuten geheult. Louis kam, hat mich in den Arm genommen, und hat gesagt, ich lebe, alles gut. Aber das war das erste Mal, dass ich gesagt habe: Ich kann nicht mehr. Und das geht eben am Set nicht, weil man die Szene ja eventuell aus einer anderen Perspektive nochmal spielen musst.


BBO: Nun ist die Beziehung zwischen Theresa und ihrem Bruder Leonhard ja eine ganz besondere Verbindung. Aber es ist ja keine Liebesbeziehung im erotischen Sinne. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Theresa und Leonhard?


Josefine Preuß: Es ist sicher keine sexuelle Beziehung, aber es ist definitiv mehr und geht über eine normale Beziehung zwischen Schwester und Bruder hinaus. Auch wenn es mehr von Leonhards Seite ausgeht, untergrabt Theresa das aber auch nicht. Dazu muss man sagen: Leonhard war von Anfang an der Looser für den Vater und wird nur niedergemacht. Er kann nichts, er ist ein Schlaffi, und dann fragt sich der Vater auch noch, ob Leonhard überhaupt von ihm ist. Jeden Tag so den Spiegel vorgehalten zu bekommen, bedeutet für Leonhard, dass er nichts anderes hat als Theresa. Die beiden sind eine moderne Variante von Hänsel und Gretel, die alleine durch den fremden Wald wandern, Kinder, die sich an die Hand nehmen und nur sich haben. Das war für mich immer dieses Bild, was ich von den beiden hatte.


BBO: Nun wendet sich die Geschichte ins Dramatische, als Theresa beginnt, für ihren Bruder Cello zu spielen. Wie kann es sein, dass Leonhard sich plötzlich daran sexuell erregt, dass seine Schwester Cello spielt und sich schließlich sogar dabei auszieht? Nimmt er sie dabei überhaupt als seine Schwester wahr?


Josefine Preuß: Doch, er weiß immer, wer sie ist. Es fängt ja so an, dass Theresa auf einmal die Idee hat, ihm etwas Gutes zu tun und für ihn zu spielen. Sie hat monatelang kein Cello gespielt. Und jetzt holt sie diesen staubigen Cellokasten wieder raus und spielt für ihn. Und als sie die Suite Nummer 3 spielt, sagt er plötzlich „Tessa“. Und vorherkonnte er sich nicht an Milch, Butter oder Banane erinnern. Aber dann hört er diese Musik und sagt einfach „Tessa“. Das ist ein Streichholz, an das sie sich klammert. Das ist das Gefühl, dass er wiederkommt und dass sie ihn zurückholen kann. Sie erkennt plötzlich, dass er weiß, wer sie ist.

Dass es dann so weitergeht – ich weiß nicht, warum sie das tut. Ist es, weil er wahrscheinlich eh Jungfrau war oder weil sie sich für ihn wegen des Flirts mit den beiden Mädchen gefreut hat? Sie weiß, dass er Jungfrau ist, er wird niemals eine normale Beziehung haben, er wird niemals ein normales Sexleben haben. Sie sind beide Opfer in ihrem eigenen Schicksal. Und wenn man dann weiß, dass „Das Cello“ eine der Geschichten ist, die noch am nächsten an der Wahrheit ist, dann nimmt einen das ganz schön mit.


BBO: Irgendwann bricht aber auch Theresa zusammen. Ist das die Wende in der Beziehung zu ihrem Bruder?


Josefine Preuß: Nein, das war eine Szene, um mal zu zeigen, wie stark sie eigentlich immer war. Sie hat das Haus eingerichtet, sich nur um ihn gekümmert und hatte nur ein paar Stunden eine Pflegehilfe, um einem Job nachgehen zu können, den man im Film aber auch nie sieht. Sie hat ihre eigenen Träume vom Musikkonservatorium aufgegeben, alles nur für ihn.

Die Szene, in der Theresa selbst zusammenbricht, war so gar nicht geschrieben. Ich wollte sie aber so einmal spielen. Ich hatte das Gefühl, dass die Szene jetzt körperlich werden muss. Die Situation muss sie sichtbar überfordern. Wenn man sein ganzes Leben aufgibst für einen Pflegefall, muss es vielleicht auch für den Zuschauer einen Punkt geben, an dem er versteht, dass sie einmal loslässt und sagt: Ich kann nicht mehr. Das ist ein Ausraster, aber das bekommt Leonhard ja gar nicht mit in seinem Anfall. Ich hätte es vielleicht noch extremer spielen sollen. Vielleicht hätte ich ihm wirklich eine knallen sollen – um es sofort danach wieder zu bereuen, weil es ja der liebe Bruder ist. Aber er schreit sie ja auch an und beschimpft sie. Es muss klar, dass es körperlich und geistig unglaublich anstrengend ist, einen solchen Pflegefall zu betreuen.


BBO: Bei all diesen furchtbaren Schicksalsschlägen – halten Sie Theresa für schuldig?


Josefine Preuß: Natürlich stellen wir uns die Frage nach der Schuld außerhalb des Gesetzbuches. Dass der Mord grundsätzlich ein Verbrechen ist, ist klar. Es ist Mord aus Heimtücke. Sie hat ihn mit Schlafmitteln gefügig gemacht und ein vollständiges Geständnis abgelegt. Mord aus Heimtücke heißt in Deutschland sieben bis 15 Jahre Gefängnis.
Viele sagen, Theresa mordet aus Mitleid. Aber das ist mir zu einfach. Das ist kein Mord aus Mitleid. Mitleid hat keine behinderte Person dieser Welt verdient, egal ob körperlich oder geistig behindert: Ist es aber Mord aus Liebe? Oder einfach eine Schmerzbefreiung? Ist es nicht ein Symbol ihres eigenen Schmerzes, den sie loswerden will? Das war mir auch in der Inszenierung so wichtig. Da habe ich lange mit Hanno darüber geredet. Auch wie sie das Geständnis ablegt, so ganz maskenfrei. Ich war schon in der Rolle und Theresa wusste nach dem Geständnis, was sie dann machen wird. Das darf nur der Zuschauer nicht wissen. Aber so, wie ich Teresa spielen wollte, war klar: Ihr Geständnis ist schon ein Abschiednehmen von der Welt. Denn ohne die zweite Hälfte deines Herzens kannst du auch nicht überleben.


BBO: Vielen Dank für das Gespräch!
Quelle:  Bestseller Books Online 

Keine Kommentare: